Wer ist denn dieser Hugo Chävez?
Nach dem es den Siedlern in den 13 Kolonien
entlang der Ostküste Nordamerikas gelungen war,
1776 nach hartem Kampf die Unabhängigkeit vom
British Empire zu erringen, lehnten sich auch
die Siedler in Neu-Spanien, Neu-Granada und
Brasilien auf, befreiten sich von der
Herrschaft ihrer spanischen und portugiesischen
Kolonialherren und gründeten zwischen 1811 und
1826 achtzehn lateinamerikanische Republiken. Im
Unterschied zu den anfangs einheitlich
angelsächsisch besiedelten Vereinigten Staaten
von Nordamerika setzten sich die Bevölkerungen
Lateinamerikas aus kleinen regierenden weißen
Oberschichten von Kreolen, Minderheiten
spanischer und portugiesischer Siedler (Colonos)
und Mehrheiten aus indianischen Eingeborenen,
Mischlingen und befreiten schwarzen Sklaven
zusammen. Im Laufe der folgenden fast 200 Jahre
mußten die unabhängigen Völker Lateinamerikas
freilich zur Kenntnis nehmen, daß sie vom Regen
in die Traufe gekommen waren: Statt Vizekönige
und „Gouverneure" bestimmten jetzt
nordamerikanische Konservenfabriken,
Industriekonzerne und das Ölkartell, welche
Politiker von Mexiko bis Montevideo unterstützt
und welche beseitigt werden sollen. Gab es
Widerstand, wurden die US-Kavallerie, die US
-Navy oder die Marine-Infanterie entsandt und
schafften wieder „Ordnung". So konnte William H.
Taft, Präsident der USA (1909 - 1913), voller
Glauben an die offenbare Bestimmung (manifest
destiny) seines Staates, prophezeien: „Der Tag
ist nicht mehr fern, da drei Sternenbanner unser
Territorium abstecken werden: Das eine am
Nordpol, das andere am Südpol, und - genau
zwischen beiden - das dritte am Panamakanal.
Zurecht wird uns die Herrschaft über die
westliche Hemisphäre kraft unserer rassischen
Überlegenheit zufallen."
Hugo Chävez setzt sich durch
„Im
Anfang war das Erdöl und das Erdöl war der
Dollar und der Dollar war Gott," so könnte ein
moderner Chronist die Allmacht des Ölkartells
beschreiben, das die meisten Länder
Lateinamerikas fast einhundert Jahre lang
beherrschte. Während in Caracas die
Privatgesellschaft PDVSA (Petrö- leos de
Venezuela) im Namen des Kartells unbeschränkt
regierte, Milliardengewinne in die USA überwies
und über ein fünfzig Mal höheres Jahresbudget
als der venezolanische Staat verfügte, litt das
einfache Volk in Stadt und Land bittere Not. Auf
Grund der vom „Internationalen Währungsfonds"
aufgezwungenen drastischen Sparmaßnahmen gerät
Venezuela Anfang 1989 in eine Krise: Das Volk
kann die stark heraufgesetzten Preise für
Lebensmittel und öffentliche Verkehrsmittel mit
den herabgesetzten Löhnen nicht mehr bezahlen.
Am 27. Februar kommt es zu einem landesweiten „Caracazo",
einem Volksaufstand der unteren und mittleren
Schichten gegen die Ausbeuter, der von
Sondereinheiten der Polizei blutig
niedergeschlagen wird. Präsident Carlos A.
Perez: Unser Volk wird lernen müssen, die
Notwendigkeit ausländischer Investitionen
einzusehen und die Vorzüge der Globalisierung zu
verstehen." Doch das Volk wehrt sich. In den
Annalen des Widerstandes gegen die Eine Welt
wird dereinst in goldenen Lettern eingemeißelt
sein, daß der Caracazo Venezuelas der erste
Volksaufstand gegen Globalisierung war.
Zu
dieser Zeit liegt das Regiment des jungen
Fallschirmjägeroffiziers Hugo Chävez in der
Nähe von Caracas. Als er zum Kommandanten seines
Regiments aufsteigt, beschließt er, mit einigen
Offizierskameraden im Februar 1992 einen Putsch
zu wagen, der mißlingt, weil die Regierung sich
abgesetzt hat. Von einem Sender aus ruft er
seine Kameraden im ganzen Land auf, den Kampf „por
ahora" (vorläufig) einzustellen. Mit diesen zwei
Worten schürt Chävez landesweit die Hoffnung,
daß der Kampf noch nicht verloren ist. 1994 wird
er vom Präsidenten Caldera freigelassen und
gründet den „Movimiento Revolutionäre Boliva-
riano" (revolutionäre bolivarische Bewegung),
die nach dem Namen des Freiheitshelden Simon
Boli- var benannt ist. Bei den Wahlen des 6.
Dezember 1998 erringt Chävez 56 Prozent und
besiegt die vom Ölkartell und fremden Lobbies
finanzierten Oppositionsparteien. Gleich als
erstes geht der nunmehrige Präsident Hugo Chävez
daran, Venezuelas Erdölindustrie zu
verstaatlichen. Er bestellt das amerikanische
Führungspersonal und Fachingenieure zu sich und
stellt sie vor die Wahl, um denselben Lohn für
Venezuela weiterzuarbeiten oder in die USA
zurückzukehren. Einige gehen, die meisten
bleiben.
Beim
Ölkartell und in Washington schlägt die
Umwälzung in Caracas wie eine Bombe ein, denn
Venezuela ist das ölreichste Land des Neuen
Kontinents und Amerikas wichtigster
Öllieferant: Es exportiert 60 Prozent seiner
Produktion in die USA und der Transport von den
Ölfeldern bei Maracaibo zu den texanischen
Ölhäfen dauert nur vier Tage. Diesem Chävez ist
alles zuzutrauen. Die Rechten bezeichnen ihn
als linksextrem, die Linken als rechtsextrem.
Wird er sich mit dem Erzfeind der USA, Fidel
Castro, verständigen? Nicht auszudenken, wenn
das Beispiel Venezuelas in Lateinamerika, dem
Hinterhof der USA, Schule macht!
Die
USA reagieren sehr schnell: Anfang 2002 wird
Charles Schapiro zum US-Botschafter in
Venezuela ernannt. Er ist Spezialist für die
Lösung schwieriger Probleme. 1973 war er
Militärattache in Chile, als Präsident Salvador
Allende beseitigt wurde; fünf Jahre lang
koordinierte er in Salvador den Kampf gegen
„Terroristen". George W.Bush ernennt Otto Reich
zum stellvertretenden Außenminister für
Lateinamerika, der engste Kontakte zur
venezolanischen Opposition pflegt. Von der
amerikanischen Botschaft in Caracas schwärmen
Agenten der CIA aus und lassen Millionen Dollar
springen. Vertreter der NED (National Endowment
for Democracy), einer dem US-Kongreß
unterstellten Tarn-Stiftung „für Demokratie",
erstellen einen Plan, um eine Gegenrevolution zu
organisieren und zu finanzieren.
Am 10.
April 2002 ist es soweit: Nach einer
wochenlangen Propagandakampagne in privaten,
von den USA finanzierten Medien, ist von
Unternehmerseite aus und mit Beteiligung
ehemaliger Führungskräfte der Ölgesellschaft PDVSA ein „Generalstreik" ausgerufen worden. Die
Demonstration der Putschisten bewegt sich in
Richtung auf das Präsidentenpalais Miraflores,
es kommt zu Schießereien. Um ein Blutbad zu
verhindern, verläßt Chävez seinen Amtssitz, der
vom Putschisten Pedro Carmona, der im Solde der
Amerikaner steht, besetzt wird. Die Privatmedien
verbreiten die Falschmeldung, daß Chävez
zurückgetreten ist, woraufhin Carmona am 12.
April den Amtseid leistet, die Verfassung außer
Kraft setzt, das Parlament und den Obersten
Gerichtshof schließen läßt und die PDVSA wieder
privatisiert. Als sich im Volk und beim Militär
herumspricht, daß Chävez nicht zurückgetreten,
sondern von den Putschisten eingesperrt worden
ist, zieht am 13. April eine riesige
Menschenmenge vor den Palast Miraflores und
fordert die Freilassung des rechtmäßigen
Präsidenten, der am nächsten Morgen sein Amt
wieder antreten kann.
Hugo
Chävez und seine Partei PSUV (Partido Socialista
Unido de Venezuela) hatten einen Sieg errungen,
doch wußte er, daß ihn die Amerikaner nun um so
unerbittlicher bekämpfen würden und ihm deshalb
ein militärischer Überfall drohte. Nicht nur
gegen den äußeren Feind mußte Venezuela rüsten,
sondern auch jene Plagen bekämpfen, die Völker
erleiden, deren Oligarchen nur in die eigene
Tasche wirtschaften: Hohe Kindersterblichkeit
und Arbeitslosigkeit, Lehrer- und Ärztemangel,
Ausverkauf der eigenen Bodenschätze und
Naturreserven an das Ausland.
Venezuela rüstet auf und schließt Allianzen
Jetzt,
wo die Milliarden aus dem Ölexport im Lande
bleiben und nicht auf den Konten des Ölkartells
in Texas und Kalifornien landen, kann Chävez
aufrüsten: In Rußland bestellt er 50 moderne
Kampfflugzeuge des Typs MIG 29 SMT, bewaffnet
mit je zwei Tonnen schweren Marschflugkörpern,
die-
laut
Berichten amerikanischer Medien - „jeden
Öltanker oder Flugzeugträger im Golf von Mexiko
wegpusten können".
Aber
was sind schon 50 Kampfflugzeuge gegen die
Weltmacht USA mit ihrem Arsenal an Kernwaffen,
Bomben und Raketen, Flugzeugträgern und
„Security Services"? Das kleine Venezuela mit
seinen 27 Millionen Einwohnern braucht dringend
Alliierte gegen die 300 Millionen
Nordamerikaner! Aber woher nehmen, wenn nicht
stehlen?
Und
tatsächlich geschieht in Lateinamerika ein
weiteres Wunder, als es 2005 einem Nachahmer von
Hugo Chävez gelingt, in Bolivien, dem ärmsten
Land Südamerikas, eine nationale Revolution zu
entfachen. Sein Name ist Evo Morales.
Das neue Bolivien des Evo Morales
Nachdem Bolivien unter der Führung von Simon
Bolivar 1825 seine Unabhängigkeit von Spanien
erkämpft hatte, wurde das Land - wie die meisten
anderen lateinamerikanischen Republiken auch
abwechselnd von Vertretern alteingesessener,
kreolischer Großgrundbesitzer und der
Offizierskaste regiert. Etwa einhundert dieser
Oligarchen kontrollieren noch heute die
Wirtschaft, die Indu strie, die Banken, die
Medien, daher auch die Politik und besitzen 25
Millionen Hektar Land, während zwei Millionen
Campesinos auf 5 Millionen Hektar
zusammengedrängt leben müssen. 55 Prozent der
insgesamt neun Millionen Einwohner sind Indios,
die Quetschua, Aymara oder andere indianische
Dialekte sprechen.
Dank
gewaltiger Finanzreserven ist Chävez 2005 in der
Lage, seinen Amtskollegen Nestor Kirchner in
Argentinien und Lula da Silva in Brasilien einen
zinsfreien Kredit zur vorzeitigen Rückzahlung
ihrer Milliardenschulden an den Internationalen
Währungsfonds zu gewähren. Die
Rückzahlungsmodalitäten wurden im Rahmen eines
langfristigen direkten Warenaustauschvertrages
vereinbart, dem sich auch Bolivien angeschlossen
hat.
Um die
Emanzipation Venezuelas von der amerikanischen
Gängelung zu unterstreichen, besucht Hugo Chävez
regelmäßig seine Amtskollegen in Moskau, Peking,
Teheran, und ist dort ein stets willkommener
Gast, was ihm seitens der USA den Titel
„Terrorist", Venezuela das Epitheton
„Schurkenstaat" eingebracht hat. Vor der
UNO-Gene- ralversammlung in New York schreckte
er nicht davor zurück, Präsident Bush mit dem
Teufel zu vergleichen. Auch das hat ihm weltweit
Pluspunkte gebracht.
Ein nicht ganz neues Wirtschaftskonzept
Was
vor wenigen Jahren noch unmöglich schien, ist
jetzt Wirklichkeit geworden: Die
lateinamerikanischen Völker sind auf dem besten
Wege, sich von der zweihundert Jahre andauernden
Gängelung und Ausbeutung durch die „Gringos"
Nordamerikas zu befreien. Am 3. November 2007
eröffnete in Caracas die „Bank des Südens"
(Banco del Sur). Sie stellt eine
Herausforderung, ja eine Kriegserklärung an die
von den USA kontrollierte Weltbank und den
Internationalen Währungsfonds (IWF) dar. Sie ist
mit einem Startkapital von sieben Milliarden
Dollar ausgestattet, das innerhalb des ersten
Jahres um weitere fünfzig Milliarden erhöht
wurde. Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für
Ökonomie, beurteilt diese Bank wie folgt: „Sie
stellt für die Völker dieser Region endlich eine
gerechte Alternative zur Weltbank und zum IWF
dar, die als Werkzeuge der amerikanischen
Außenpolitik und amerikanischer Konzerne
angesehen werden müssen. Schließlich ist das
US-Treasury (Schatzamt) der größte Aktionär des
IWF!" Der Bank des Südens haben sich, neben
Venezuela, die Staaten Brasilien, Argentinien,
Bolivien, Paraguay, Ecuador und Uruguay
angeschlossen. Peru und Mexiko sollen demnächst
folgen. „Die Bank des Südens", so der
venezolanische Finanzminister Rodrigo Cabezas,
„wird den Mitgliedstaaten zinsgünstige Kredite
einräumen, ohne ihnen politische Bedingungen zu
diktieren, ohne auf sozial unverträglichen
Auflagen zu bestehen, wie sie beim IWF üblich
sind." Die Bank des Südens wird nicht nur
Wirtschaftsabkommen und Infrastrukturprojekte,
sondern auch Export- und Importgeschäfte der
Mitgliedsländer, in Landeswährung, in Euro, in
Dollar oder auf Grundlage des Gütertausches
vorfinanzieren und absichern. Ende Juni 2006
schlug Hugo Chävez in Wien den Regierungen der
EU-Mitgliedsstaaten vor, in Zusammenarbeit mit
den Staaten Lateinamerikas und der Karibik die
um hundert Jahre nachhinkenden Pläne zum Aufbau
ihrer Infrastrukturen in Angriff zu nehmen. Die
Umsetzung eines solchen Jahrtausendprojektes
würde die Arbeitslosigkeit in der EU schlagartig
beenden. Die gegenseitige Verrechnung könnte auf
dem Wege des Warenaustausches erfolgen, zinsfrei
und an den Dollar-notierten Börsenpreisen
vorbei. Dieser Vorschlag wurde in den
österreichischen und deutschen Medien
totgeschwiegen.
Hat Simon Bolivar über James Monroe gesiegt?
Einen
peinlichen Fußtritt in den Allerwertesten mußten
die USA und Kanada am 23. Februar 2010
einstecken, als erstmals alle 33
Staatsoberhäupter der lateinamerikanischen und
karibischen Staaten - ohne nordamerikanische
Beteiligung - zusammenkamen, um CELAC zu
gründen, die „Comuni- dad de los Estados
Latino-americanos y Caraibes" (Gemeinschaft der
lateinamerikanischen und karibischen Staaten).
Dies versetzte gleichzeitig der 1948 von den USA
gegründeten und beherrschten OAS (Organization
of American States) den Todesstoß. Sogar die
von den USA stark abhängigen Präsidenten
Mexikos, Kolumbiens und Panamas waren bei der
Konferenz in Cancün erschienen. Dem von den USA
in Honduras eingesetzten Usurpator Roberto
Micheletti war die Einreise verweigert worden.
Während den USA die CELAC auch fürderhin
verschlossen bleiben soll, könnte Kanada - falls
es sich vom Großen Bruder USA löst— gnädige
Aufnahme finden.
Sind
wir, die an Freiheitshelden so reichen
Europäer, denn schon so faul, fett und feige
geworden, daß sich in unseren Landen keiner mehr
findet, der sich an Hugo und Evo ein Beispiel
nimmt, wie man sich selbst befreit, den
ungebetenen Lotsen wieder zum Fallreep geleitet,
das Ruder in die eigenen Hände nimmt und einen
selbst gewählten Kurs fährt? Jedes europäische
Kulturvolk hat im Laufe seiner Geschichte
mehrmals bewiesen, daß es unter der Führung
entschlossener Fürsten, Bürger oder Soldaten in
der Lage war, sich von seinen Fesseln zu
befreien.
Solange die ethnische Homogenität eines Volkes
nicht grundlegend verändert worden ist, können
die Umerzogenen wieder um-umerzogen werden. Kein
Wunder, daß die Globalisierer fleißig daran
arbeiten, in EU-ropa ethnisch unumkehrbare
Verhältnisse herbeizuführen. Keine Frage, daß
auch Deutschland, Österreich und die Schweiz in
der Läge wären, sich aus dem Würgegriff der
Globalisierung zu befreien, wenn nur einige dem
eigenen Volk verpflichtete Politiker den Mut und
Willen fänden, es zu wollen.
Die
Globalisierung ist zwar zum Scheitern
verurteilt, doch wird ihr Todeskampf noch lange
dauern, gewaltige Umwälzungen verursachen, Not
und Leid nach sich ziehen. An uns EU-ropäern
liegt es, ob wir als glückliche Sklaven und
Kanonenfutter der Globalisierer an unserer
Selbstauflösung als souveräne Staaten mitwirken,
oder - wie es die Lateinamerikaner gerade
vormachen - aktiv dazu beitragen, daß dieser
Kelch an uns vorübergeht.
Richard MELISCH
(Aus: „Das Schweigen der glücklichen Sklaven",
erschienen bei Grabert-Hohenrain, November
2010)."Wer ist Hugo Chavez?" - Verweis: "Huttenbriefe",
Folge 5-6, Dezember 2010 |