Demographie als Machtfaktor
Wenn es im
Altertum zu Machtkampfen zwischen den Stammen um
die Reviere kam, wartete die unterlegene Seite
ab, bis eine junge tatkraftige Generation
heranwachst, um die verlorene Gebiete
zuruckzuerobern. Dasselbe setzte sich bei
Staaten fort. Damit war und bleibt
Bevolkerungsreichtum ein Machtfaktor. Ebenso aus
Sicherheits- und Selbsterhaltungsgrunden
reagieren Staaten, wenn Nachbarn demographisch
zu stark werden. Erinnern wir uns, im 18.
Jahrhundert war es der Bevolkerungsreichtum
Frankreichs, der es Napoleon ermoglichte, fast
das gesamte Europa zu unterwerfen.
Als Reaktion auf Napoleons Eroberungen entstand
in dem damals zerstuckelten Deutschland eine
patriotische Gegenbewegung. Mit den
umfangreichen Reformen von Stein und Hardenberg
(Bauernbefreiung 1807, Stadteordnung 1808,
Verwaltungsreform 1808) und den Bildungsreformen
von Humboldt stieg Deutschland wirtschaftlich,
wissenschaftlich wie auch bevolkerungsma?ig auf
den ersten Platz in Europa. Nicht von ungefahr
au?erste sich spater der franzosische Politiker
Clemenceau (siehe „Land ohne Leute“, „Die Zeit“
03/2003) es sind „20 Millionen Deutsche zu
viel“.
Andersherum kann man die flachendeckende
Bombardements deutscher dichtbesiedelter Stadte
(besonders Dresdens!) wahrend des Zweiten
Weltkriegs und die Vertreibung danach mit
Millionen Opfern als eine gezielte „Dezimierung“
der Zahl der Deutschen bezeichnen. Noch im
Sommer 1941 (Spiegel 21/1996) zog der Amerikaner
Theodor Kaufmann in der Broschure „Germany must
perisch“ die Folgerung, alle Deutsche mussen
sterilisiert werden – ein Fest fur die
NS-Propaganda. Dann kam der tausendfach
zelebrierte Aufruf des sowjetischen
Top-Propagandisten Ilja Erenburg: „Totet die
Deutschen!“ Selbst Roosevelt (siehe Spiegel Nr.
02/03) sprach am Kriegsende: „Entweder mussen
wir das deutsche Volk kastrieren oder ihm eine
Behandlung verpassen, dass es nicht wieder
Nachwuchs zeugen kann…“ Ahnlich au?erte sich der
Spiegel-Redakteur Hendrik Broder in Nr. 52/99:
„Den europaischen Nachbarn kann es nur Recht
sein, wenn sich die vermehrungslustige (?)
Volksgemeinschaft auf polnisches oder
franzosisches Format reduziert“. Daher kann uns
das Napoleon zugeschriebenes Bonmot,
„Demographie ist Schicksal“ nicht verwundern.
Erinnern wir uns noch, wie vehement England und
Frankreich sich der Wiedervereinigung
widersetzten – ein demographisch gestarktes
Deutschland begriffen sie als Gefahr fur ihre
Sicherheit. Oder, kann man sich heute einen
erneuten Anschluss Osterreichs an Deutschland
vorstellen? Und umgekehrt, ist heute eine
Ruckkehr der Deutschen in ihre Ostgebiete wegen
ihrer demographischen Schwache moglich?
Selbst fur den einfachen Menschen ist die
demographische Starke ein wichtiger Faktor in
Politik. Aus demographischer Starke handelte
Russland in den Kriegen des 20. Jahrhunderts und
umgekehrt, es war schon interessant die Furcht
der Russen zu beobachten als es in den 1970ern
Jahren zu Grenzkonflikten mit dem
bevolkerungsreichen China kam. Heute schaut die
gesamte westliche Welt gebannt auf die
Milliardenvolker China und Indien, die durch die
Globalisierung „geweckt“ und begunstigt,
technisch und okonomisch aufrusten und zunehmend
zur Gefahr fur den Westen werden konnen.
Auf demographische Starke baut die Turkei im
Nahost und ihrer „Vertretung“ in Europa. Deren
Bevolkerung ist von 10-12 Millionen am Anfang
des 20. Jahrhunderts bis auf rund 70 Millionen
heute gestiegen. Nach Spiegel-Redakteur Dieter
Wild (Nr. 40/00) verdoppelt sich jede 23 Jahre
die der Turken. Diese volkische Starke wirkt
sich zunehmend auf ihre Au?enpolitik aus und die
Turken, zumindest hintergrundig, bekommen das
Gefuhl einer Uberlegenheit.
Die heutigen Unruhen in Nordafrika sich
ebenfalls auf den Uberschuss von jungen Menschen
zuruckzufuhren. Der Anteil der Bevolkerung unter
25 Jahren (FAZ) betragt in Agypten 52,3%, in
Marokko 47,7% (vgl. Deutschland 24,8%). Die
Wirtschaft kann sie nicht integrieren und
versorgen. Die Energie der hungrigen, wutenden
Jugend sorgt fur aggressive Aufladung. Die
Verschiebung des Demographischen zieht die
allmahliche Neuordnung der Machtverhaltnisse
nach sich. Die islamische Welt geht auf
Eroberung.
Deutschland dagegen ist nach dem Trauma von zwei
Kriegsniederlagen in einer politischen Ohnmacht
und baut seine demographische Reproduktion
kontinuierlich ab. Die linken Parteien begru?en
zuweilen, dass die „hasslichen“ Deutschen
aussterben und bauen „internationalistisch“ auf
Wahlerstimmen der Zuwanderer. Jedenfalls sucht
keine der Parteien wirksame Wege den Trend
umzukehren.
Da ohne Nachwuchs („Kinder sind nicht alles,
aber ohne Kinder ist alles nichts“) nichts
lauft, beschaftigen sich damit mehrere
Forschungsinstitute, die Enquete-Kommission
„Demographischer Wandel“ des Bundestages,
daruber berichten die Medien. Fieberhaft werden
die Kinderchen – es gibt eine Menge von
Statistiken – gezahlt und deren Auswirkungen auf
Produktion, Arbeitsmarkt und Konsum erforscht.
Wenig beachtet bleibt, warum die Naturvolker
sich (zu sehr!) vermehren, aber die
„durchforschte“ Zivilisation schrumpft.
Die demographische Katastrophe ist die Mutter
aller Krisen. Der jahrzehntelange Geburtenmangel
wird Deutschland und Europa mehr verandern als
der „nur vorerst aufgeschobene griechische
Staatsbankrott und der Niedergang des Euro“ (JF
22/10). Doch im Zusammentreffen dieser Krisen
liegt auch die Chance zum grundlichen Umdenken.
Vorausgesetzt, wir haben Mut dazu…
Franz Harder
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